• "Why fall in love with life, if I´m gonna marry death?"

Der Aufbruch

P1000299Heute möchte ich mich ändern. Heute möchte ich nicht mehr dieselbe Person wie damals sein. In meiner Vergangenheit habe ich vielen Personen Leid angetan, in meiner Zukunft möchte ich das nicht mehr.

Wenn jemand jung ist, dann gibt es viele Menschen die einen zum Schlechten hin verführen möchten. Ich zum Beispiel wurde schon sehr jung in diese Szene eingeführt, alles fing mit bloßem Stehlen an. Das ist aber gar nicht mal so leicht. Es kostet einem schon einiges, sogar das eigene Leben setzt man dabei manchmal auf‘s Spiel. Bis zu dem Punkt an dem sie dich töten, oder an dem du im Gefängnis landest. Die meisten von uns sterben oder landen im Gefängnis. Aber wenn einer jung ist, versteht er diese Konseqenzen noch nicht. Ich habe schon all diese Dinge erlebt. Heute denke ich anders über diese Dinge. Und heute denke ich sogar über etwas nach, über das ich früher nie gedacht hätte, das ich es machen würde: Das Gute.

An dem Tag an dem ich entlassen wurde, wusste ich nicht wohin, nicht was ich machen sollte. Ich hatte keinen Plan. Es kam alles so plötzlich. Morgens um 4 wird man geweckt, zum Gericht gefahren und am gleichen Tag sollte man das Gefängnis verlassen. Für mich kam alles ohne jegliche Vorwarnung. Ich war glücklich und besorgt zugleich. Glücklich freizukommen. Und besorgt frei zu sein. Ich dachte mir, dass ich jemanden um Hilfe bitte müsste. Und weißt du was? Dieser eine Freund von mir hatte gerade Besuch von seiner Freundin. Normalerweise respektiert man im Gefängnis diesen Besuch und man stört diesen auch niemals. Ich jedoch klopfte an die Tür „Entschuldige bitte „carnalito!“ “Ich komme schon“ sagte er. Ich war nervös, weil das war die letzte Chance die ich hatte. Er kommt raus und sagt: „Jetzt gehst du?“ „Ja“ sage ich, „aber ich möchte dich um einen Gefallen bitten!“ „Was brauchst du? Geld?“ „Nein, ich bräuchte die Hilfe deiner Freundin: Sie sollte mich in einem Taxi mitnehmen und mir ein Hotel suchen.“ „ Warte, ich frage sie!“. 6-7 minuten wartetet ich vor der Tür. Dann kam er raus und sagte mir „ok, esta bien“. Ich fühlte mich erleichtert. Denn wer würde mir schon helfen wollen? Denn welches Taxi würde für mich anhalten? Wer würde mir weiterhelfen? Niemand. Auch nicht ein Bus. Jeder würde denken, dass ich sie überfallen würde. Und nach Hause? Wie würde ich nach Hause kommen? Außerdem wo ist mein zuhause und wer ist meine Familie? Meine alten „Freunde“. Die sich auch meine „Familie“ nannten, wollte ich nicht um Hilfe bitten, denn dann würde ich nur im selben Sumpf landen wie die letzten 15 Jahre meines Lebens. Mit einem Rucksack und einem blauen T-Shirt bewege ich mich dann endlich frei. An diesem Tag habe ich viele schöne Dinge auf der Straße gesehen, aber wegen meiner Tättowierungen kann ich mich nicht frei bewegen. Hier gibt es Menschen, die für Geld töten. Wenn ich alleine gelaufen wäre, dann hätten sie wahrscheinlich mich getötet.

Jetzt fühle ich mich besser.- Ich habe mich geändert. Sagen wir mal so: Heute schaue ich die Menschen mit anderen Augen an. Jetzt schaue ich sie nicht mehr voller Hass an, sondern kann ihnen auch normal begegnen und neue Menschen kennnen lernen.

Heute bin ich 28 Jahre alt. Als ich jung war, dachte ich, dass ich nur 19 Jahre alt werden würde. Nächste Woche werde ich gar schon 29 Jahre alt. Ich freue mich darüber! Denn stell dir vor: 19, 20, 21, 22, 23....29!, jetzt lebe ich schon 10 Jahre mehr als ich mir jemals erträumt hätte. Und er weiß wieviele Jahre mir das Leben noch schenken wird.

Carlos (Pseudonym)